Stühle 2

Frau B.
Kindheitsraum

Winter 1978/1979

Während der zweiten Hälfte der 70er Jahren war Polen hochverschuldet. Die schlecht organisierte und ineffektive Industrie machte die Wirtschaft von westlichen Krediten und Importen abhängig. Erste Zeichen der Krise zeigten sich mit den Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel im Juni 1976. In den industriellen Zentren Radom und Ursus bei Warschau kam es zu Unruhen. Die Preiserhöhungen wurden daraufhin zwar wieder zurückgenommen, aber schon im August wurde der Zucker rationiert (2 kg Kilo monatlich pro Familie) und nur noch gegen "Zuckerkarten" ausgegeben. Während der nächsten 10 Jahre bestimmten Lebensmittelkarten und Marken für viele Konsumgüter wie Benzin, Zigaretten oder Schuhen das tägliche Leben in der Volksrepublik Polen. Die Wirtschaftskrise und die astronomische Verschuldung wurde von offizieller Seite allerdings erst 1980 zugegeben, als die Zinsen für die Kredite höher als die ganzen Export-Einnahmen waren. Der Ausmaß der Misere zeigte sich bereits deutlich im Winter 1978/79, als das ganze Transportwesen und die Kommunikation wegen eisiger Kälte, mit bis zu 26 Minusgraden, zusammenbrach. Mehrere Wochen lang gab es kaum Kohle und Gas, um die Wohnungen zu beheizen. In vielen Städten mangelte es an Strom und Lebensmitteln. Obwohl die ganze Volksarmee zu Schneebeseitigung mobilisiert wurde, blieben vielerorts Schulen und Betriebe wochenlang geschlossen.
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